Geh doch ins Netz!

17 Jan

Warum der Appell nicht ausreicht um Gleichberechtigung im Open Space zu erreichen: auch nicht beim eigenen Blog.

„Define Gender Gap? Look Up Wikipedia’s Contributor List“ übertitelte die New York Times im Jänner 2011 einen Artikel der zeigt, dass nur knapp 13 Prozent der über die ganze Welt verstreuten tausenden Wiki-AdministratorInnen Frauen sind. Im Vergleich dazu scheinen die Redaktionen der „alten“ Medien schon fast als paradiesische Orte der Geschlechterparität.

Auf der Suche nach den Gründen für diese Schieflage stößt man natürlich schnell auf die generelle Dominanz von männlichen Usern im Web. Joseph Reagle, ein Mitarbeiter des Berkman Center for Internet and Society in Harvard, nennt noch einen anderen: Die in Projekten wie Wikipedia vorherrschende Ideologie, die jede Form von Regeln, auch zugunsten der Erreichung von gesellschaftlichen Zielen, wie etwa gleichberechtigte Teilhabe an Wissenserwerb und -verbreitung, ablehnt.

Gerade ein Phänomen wie Wikipedia, das ursächlich von der Klugheit der Vielen lebt und funktioniert eben weil es möglichst viele Perspektiven in seine Gesamtschau einbindet, mangelt es an Qualität, solange die Sicht der weiblichen Hälfte der Weltbevölkerung dort nicht ausreichend vertreten ist. Denn die Konsequenzen der Dominanz von männlichen Autoren macht sich beim Inhalt bemerkbar. So sind Artikel über Themenbereiche, die eher männlich besetzt sind, schlicht länger als jene, die eher weiblich besetzte Themenbereiche behandeln.

Das mag bei unterschiedlich langen Einträgen über TV-Serien mit männlichem bzw. weiblichem Zielpublikum noch relativ geringe Konsequenzen haben. Tatsächlich problematisch wird die Sache dadurch, dass sich dieses geschlechtsspezifische Missverhältnis auch in Artikeln über SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, historische Ereignisse und eben auch PolitikerInnen wider spiegelt. Über männliche Akteure wird weit häufiger berichtet, als über weibliche. In Zahlen heißt das: Neun Artikel über Männer steht eine Artikel über Frauen gegenüber. Das Resultat fasst der deutsche Historiker Haber in einem Interview mit der Wochenzeitung die Zeit zusammen: „Vor allem aber dominieren im Netz die Personen- und die Ereignisgeschichte, denn hier liegen die Stärken von Wikipedia. So kehrt mit modernsten Kommunikationsmitteln eine von der Geschichtswissenschaft längst ad acta gelegte Form der historischen Betrachtung zurück: Große Männer machen große Geschichte“ Besonders bitter ist diese Feststellung, da es sich beim Internet ja nicht um eine jahrhunderte alte Institution mit versteinerten Strukturen handelt, sondern um ein junges Medium, das sich täglich dynamisch weiter entwickelt. Trotzdem folgt die – ebenfalls vergleichsweise junge – Schreiber- und Leserschaft uralten Rollenmustern.

85:15

85:15 – laut der New Yorker Organisation OpEd, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das in öffentlichen Diskursen alle Stimmen, vor allem auch die von Frauen gehört werden, gilt diese Verteilung zwischen Männern und Frauen überall: An politischen Orten, am Stammtisch und eben auch im Internet. Und warum ist das so? Ja warum nur melden sich die Frauen denn nicht einfach zu Wort? Das kann man auch an anderen Orten des Internets beobachten. Bei politischen Blog zum Beispiel. Dort sind Frauen eine Rarität.

Der Blog hat gegenüber herkömmlichen Medien einen unschlagbaren Vorteil: Während etwa etablierte Medien angesichts von beschränkten Platzressourcen auswählen, wen sie zu Wort kommen lassen, kann sich per Blog jeder zu Wort melden, der etwas zu sagen hat. Während in anderen Medien vor allem veröffentlicht wird, wer als wichtig gilt, muss den Blogger und seine Meinung nur einer wichtig genug nehmen, um publiziert zu werden: Er sich selbst.

Und hier ist der Haken. Wir wissen heute aus zahlreichen Studien, dass Frauen sich aufgrund ihrer Sozialisation weniger zutrauen, weniger den Drang den verspüren sich und ihre Meinung der Welt kundzutun als Männer. Denn: When you are a minority voice, you being to doubt your own competencies“, argumenitiert Catherine Orenstein, eine Vertreterin des OpEd Projekts.

Was heißt das nun, wenn man trotzdem erreichen will, dass Frauen und Männer ihre Perspektiven, ihr Wissen und ihre politischen Ideen gleichberechtigt über Online-Medien einbringen sollen? Schon allein, um eine umfassende Blickweise und damit einen gewissen Qualitätsstandard zu garantieren. Nun, es gilt dasselbe, das auch in der realen Welt gilt: Wer will, dass alle gehört werden, muss Grundlagen und Regeln schaffen, die das ermöglichen. Quoten zum Beispiel. Denn auch ein freier Raum, wie das Internet es ist, ist erst dann wirklich frei, wenn er allen die gleichen Möglichkeiten bietet daran zu partizipieren.

more:

http://www.theopedproject.org

www.nytimes.com/2011/01/31/business/media/31link.html?_r=1&scp=2&sq=wikipedia&st=cse

Dieser Artikel erschien zuerst auf http://www.blog.sektionacht.at

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